Wundversorgung
Wundversorgung
Wie ist das Wundmanagement bei der Epidermolysis bullosa?
Die Bildung schmerzhafter Blasen und offener Wunden tritt bei nahezu allen Formen der Epidermolysis bullosa (EB) im Verlauf der Erkrankung auf. Somit stellt die optimale Wundversorgung einen wichtigen Grundpfeiler im Behandlungsalltag der Betroffenen und Pflegenden dar. Dabei umfasst die Wundversorgung die Reinigung sowie die Pflege bestehender Wunden und die Vorbeugung neuer Blasen, u. a. durch die Vermeidung von Auslösern wie Verletzungen oder Hitze1. Grundsätzlich ist die Wundbehandlung von verschiedenen Faktoren abhängig, die den Aufwand und die Art der Versorgung bestimmen.
Hierzu zählen2:
• der EB-Typ,
• das Alter,
• das Allgemeinbefinden,
• der Hautzustand,
• der Ernährungszustand,
• die häusliche Umgebung,
• die bereitstehenden Verbandsmaterialien und
• Unterstützung bei der Pflege.
Wundversorgung und Verbandswechsel
Der Wundauflagen- oder Verbandswechsel wird in der Regel alle ein bis vier Tage durchgeführt und nimmt einen sehr großen Raum im Alltag der Betroffenen und ihrer Familien ein. Bei Ausprägungen, die den ganzen Körper umfassen, kann die Wundversorgung mehrere Stunden in Anspruch nehmen und mit starken Schmerzen sowie einer erheblichen Belastung für alle Beteiligten verbunden sein3. Menschen mit Epidermolysis bullosa (EB) und ihre Eltern haben im Rahmen eines stationären Aufenthaltes in einem spezialisierten EB-Zentrum die Möglichkeit, die Beurteilung und Pflege der Wunden zu erlernen. Im Alltag können spezialisierte Wundmanager*innen oder entsprechende Pflegedienste zusätzlich unterstützen. Weil sich das Erscheinungsbild der Wunden schnell ändern kann, benötigen die Patient*innen regelmäßig ärztliche und pflegerische Unterstützung, um neue Situationen meistern zu können. Da die Betroffenen und die Pflegenden durch den täglichen Umgang mit der Erkrankung zu Expert*innen in deren Management werden, ist es wichtig, dass sie aktiv in die Therapieplanung einbezogen werden1.
Vorbereitende Maßnahmen
1. Bereitstellung des nötigen Materials und Vorbereitung des Verbandsplatzes
Bevor mit dem Verbandswechsel begonnen wird, empfiehlt es sich, den Verbandsplatz gut vorzubereiten.
Dazu gehört u. a.:
• das Zurechtlegen aller Materialien (Schere, Kanülen, Wundverbände, Ablage für Verbandsreste und Müll),
• das Zurechtschneiden aller benötigten Pflaster und Wundauflagen,
• das Vorwärmen des Raumes, der Handtücher und der Wundspüllösung,
• das Zurechtlegen frischer Kleidung,
• die Vermeidung von Zugluft durch offene Fenster,
• die Sicherstellung einer guten Beleuchtung,
• bei Säuglingen ggf. die Vorbereitung einer Trinkflasche und/oder das Bereitlegen eines Schnullers zur Beruhigung und
• die Desinfektion der Unterlage (z. B. Wickelauflage) und das Auflegen einer sauberen Einmalunterlage.
Um Wundinfektionen zu vermeiden, ist es wichtig, dass der Verbandsplatz und alles, was zum Verbandswechsel eingesetzt wird, sauber ist.
2. Mentale Vorbereitung für die Wundversorgung und den Verbandswechsel
Die regelmäßige Routine des Verbandswechsels kann emotional eine große Herausforderung sein. Daher ist es umso wichtiger, Strategien zu entwickeln, die ein positives und bejahendes Umfeld schaffen. Eine helle, freundliche Atmosphäre, schöne Bilder, gute Musik oder ein besonderer Duft können dabei helfen, eine positive Stimmung zu erzeugen. Sinnvoll ist es auch, wenn die Verbandswechsel immer zur selben Zeit stattfinden. Dies ist insbesondere für Kinder hilfreich, da sie sich dann mental darauf einstellen können. Es kann z. B. festgelegt werden, dass immer vor dem Abendbrot die Verbände gewechselt werden. Auch das Einbeziehen der Kinder in die Vorbereitung und Durchführung des Verbandswechsels sind mögliche Optionen, um die Vorgänge zu erleichtern.
Durch eine gute Organisation und ausreichend Zeit lässt sich Frustration vermeiden und eine Routine schaffen, die den Verbandswechsel sehr erleichtern kann. Für Eltern kann es zudem hilfreich sein, verbindliche Absprachen zu treffen und die Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen. Denn auch für Angehörige ist es wichtig, dass sie mit ihren Ressourcen sorgsam umgehen und jede mögliche Unterstützung in Betracht ziehen. Gerade bei Babys und ganz kleinen Kindern kann auch ein gemeinsamer Verbandswechsel die Arbeit erleichtern. Grundsätzlich ist es ratsam, dass sich Patient*innen und Angehörige nicht unter Druck setzen. Jeder Tag und jeder Verbandswechsel verläuft unterschiedlich. Für alle Beteiligten ist es wesentlich, auf das eigene Wohl zu achten, aufkommende Gefühle anzuerkennen, sich regelmäßig etwas Gutes zu tun und ggf. positive Absprachen mit der Familie zu treffen.
3. Hygienische Aspekte der Wundversorgung
So wie im Krankenhaus ist auch im häuslichen Bereich die Einhaltung grundlegender Hygienebedingungen wichtig, um Komplikationen zu vermeiden. Durch unzureichende Hygiene können Erreger in die Wunde eindringen und zu einer Wundinfektion führen, was wiederum eine Störung der Wundheilung zur Folge haben kann.
Die sicherlich wichtigste Maßnahme ist die hygienische Händedesinfektion. Eine korrekte Ausführung mit geeigneten Desinfektionsmitteln ist sehr wichtig und sollte zur Routine vor jedem Verbandswechsel werden. Vor der Händedesinfektion und zum Verbandswechsel sollten Schmuck, Uhren und Ringe abgelegt werden.

Nützliche Hinweise zur weiteren Vermeidung von Wundinfektionen:
- Einmalhandschuhe bzw. Einmalschürze tragen
- Oberteile mit kurzen Ärmeln tragen
- Pinzetten und andere Geräte vor und nach jeder Anwendung desinfizieren
- Fenster und Türen während des Verbandswechsels geschlossen halten
- Anwesenheit von Haustieren während des Verbandswechsels vermeiden
- Fingernägel kurz halten
- Bei lackierten Fingernägeln unbedingt Handschuhe beim Verbandswechsel tragen
- Nichts mit den bloßen Fingern berühren, was anschließend Kontakt mit der Wunde hat
Durchführung des Verbandswechsels
Verbandswechsel und Wundversorgung sind ein sehr komplexes Thema und müssen individuell angepasst werden. Gemeinsam mit den behandelnden Ärzt*innen oder Pflegekräften kann das Wundmanagement erlernt und besprochen werden.
1. Ablösen alter Verbände
Am Anfang eines jeden Verbandswechsels steht die Entfernung der alten Verbände. Die sorgfältige und vorsichtige Entfernung ist sehr wichtig, um einerseits die Wundheilung nicht zu stören oder zusätzliche Hautschädigungen hervorzurufen und andererseits die Schmerzen beim Verbandswechsel zu reduzieren. Manche Verbände lassen sich problemlos entfernen, während andere möglicherweise mit dem Wundbett verklebt sind. Liegt eine Verklebung vor, sollte diese nicht mit Gewalt entfernt werden, da die Wunde sonst wieder aufreißt. Dies kann neue Wunden provozieren und vor allem Schmerzen hervorrufen.
Da sich verklebte Wundverbände am besten durch Wasser lösen, kann es hilfreich sein, die Entfernung in der Badewanne durchzuführen. Ein großes, weiches Tuch am Boden und an den Seitenflächen der Wanne kann zusätzlichen Druck auf der Haut vermeiden. Nach dem Baden sollte die Haut kurz abgeduscht werden, um die Wunden von den Resten des Badewassers zu reinigen. Anschließend kann die Haut vorsichtig, möglichst mit einem vorgewärmten Handtuch, abgetrocknet, abgetupft oder geföhnt werden. Vor dem Anlegen der Verbände sollte die Haut komplett trocken sein. Alternativ ist das Anfeuchten der Verbände auf dem Verbandstisch oder unter der Dusche möglich. Sowohl beim Baden als auch beim Duschen kann bereits der Duschstrahl unangenehm auf der Haut sein. Hier kann es helfen, das Wasser über einen Schwamm sanft auf die Haut laufen zu lassen. Außerdem ist es wichtig, auf eine sehr gut gewählte Wassertemperatur zu achten, da dies ganz entscheidend dazu beträgt, die Prozedur so angenehm wie möglich zu gestalten.
Nicht immer müssen alle Verbände entfernt werden. Bei nicht infizierten Wunden können die Verbände auch belassen werden, bis sie sich möglicherweise selbst von der Wunde lösen. Um Verklebungen der Wunden entgegenzuwirken, können beim nächsten Verband ausreichend Gele, Salben oder Cremes auftragen werden. Dabei können Ärzt*innen und Pflegedienste Betroffene und Angehörige beraten, welche Mittel am besten geeignet sind.
2. Beurteilung der Wunde
Wenn die Verbände entfernt sind, sollten die Wunden angeschaut und beurteilt werden. Möglicherweise ist eine erneute Reinigung bzw. Desinfektion der Wunden, ein Entfernen der Wundreste oder das Aufstechen von Blasen notwendig. In dem Fall, dass Wunden ungewöhnlich aussehen oder riechen, ist es ratsam, die behandelnden Ärzt*innen oder den Pflegedienst zu kontaktieren. Mit der Zeit entwickeln Patient*innen und Angehörige ein Gefühl dafür, was zur normalen Wundheilung gehört und was besser von Fachkräften behandelt werden sollte.
3. Behandlung von Wunden und Blasen
Nach dem Lösen der Verbände sollten Krusten und Salbenreste rund um die Wunde vorsichtig entfernt werden, ohne dabei die Wunde erneut zu verletzen. Eine vorgewärmte Wundspüllösung kann hier hilfreich sein und gewährleistet ein hygienisch einwandfreies Arbeiten. Blasen sollten frühzeitig aufgestochen werden, um zu vermeiden, dass diese größer werden und sich die Haut dadurch weiter ablöst. Auch sind die Wunden dann kleiner und die Wundheilung geht schneller. Bei Unsicherheiten bieten Ärzt*innen und Pflegedienste immer eine Unterstützung und stehen den Patient*innen und Angehörigen zur Seite.
Der Umgang mit geschlossenen Blasen
Bei der Epidermolysis bullosa (EB) sollten inaktive Blasen an der tiefsten Stelle aufgestochen werden, um eine Vergrößerung und fortschreitende Schädigung der Haut zu vermeiden. Hierzu wird mit einer sterilen Kanüle seitlich auf ganzer Breite durch das Blasendach gestochen, sodass ein Abfluss der Flüssigkeit durch das Ein- und Austrittsloch ermöglicht wird. Anschließend sollte durch vorsichtigen Druck mit einer weichen Gaze oder einem sauberen Tuch eine möglichst vollständige Entleerung der geöffneten Blase erreicht werden. Das Ein- und Austrittsloch sollte dabei ausreichend groß sein, um eine erneute Blasenbildung zu vermeiden. Grundsätzlich sollte das Blasendach als Schutzbarriere für die darunter liegenden Strukturen und gegen eindringende Infektionserreger belassen werden1,4.
4. Anlegen neuer Verbände
Glücklicherweise gibt es heutzutage eine Vielzahl unterschiedlicher Verbandsmaterialien, die bei chronischen Wunden hilfreich sind und die Wundheilung unterstützen. Wunden benötigen in unterschiedlichen Heilungsphasen oft auch unterschiedliche Verbände. Generell gilt es, keine klebenden Verbandsmaterialien einzusetzen, da diese beim späteren Entfernen zusätzliche Schäden an der Haut verursachen können. Die Auswahl an Verbandsmaterialien ist groß und auch hier kann es sinnvoll sein, sich vorab mit den Ärzt*innen oder einem auf EB spezialisierten Pflegedienst zu beraten. Wundverbände, die für andere Formen von chronischen Wunden sehr gut geeignet sind, müssen nicht auch für EB eine gute Wahl sein. Es ist möglich, vorerst verschiedene Verbandsmaterialien auszuprobieren, bis die Verbände gefunden sind, die standardmäßig zum Einsatz kommen.
Der Wundverband besteht meist aus drei Schichten:
• der Wundauflage,
• der Polsterung und
• der Fixierung.
Für die Wundauflage haben sich Wundgitter und Tüll- bzw. Schaumverbände bewährt. Die Wunden werden damit vollständig abgedeckt, was ein Verkleben der Wunde mit den Verbänden verhindert. Bei stark nässenden Wunden (z. B. infizierten Wunden) sind Saugkompressen sinnvoll. In diesem Fall kann möglicherweise auf eine Polsterung verzichtet werden. Salben, Cremes oder Gele sind am besten vorher auf die Wundauflage aufzutragen. Eine Applikation direkt auf die Wunde wird häufig als unangenehm empfunden, ist jedoch ebenfalls möglich.
Wenn Wundgitter zum Einsatz kommen, wird in einem zweiten Schritt eine Polsterung benötigt, die die Wunde mechanisch schützen und entstehendes Wundsekret aufsaugen soll. Diese Polsterung wird typischerweise mit weichen Kompressen gewährleistet und sollte nicht störend (z. B. aufgrund der Dicke) sein.
Der letzte Schritt ist die Fixierung der Verbände, um ein Verrutschen zu verhindern. Diese kann mit Mull- bzw. Fixierbinden oder Schlauchverbänden erfolgen. Ganz wichtig ist, dass Verbände auf keinen Fall mit Verbandklammern oder Pflastern auf der Haut fixiert werden.
Im Anschluss an den Verbandswechsel werden alle Verbandreste entsorgt, der Verbandsplatz gereinigt und desinfiziert und bei Gerüchen das Zimmer gelüftet. Manchmal können die Verbandswechsel extrem lange dauern und schmerzhaft oder anstrengend sein. In diesem Fall ist es wichtig, bei Bedarf eine Pause einzulegen und zu einem späteren Zeitpunkt mit der Durchführung fortzufahren.
Vorbereitung und Ablauf des Verbandswechsels kurzgefasst2
- Bereitstellung des notwendigen Verbandmaterials und Zubehörs sowie eines Entsorgungsbehälters
- Desinfektion der Hände aller Beteiligten Ein Bad oder feuchte Auflagen können das Ablösen alter Verbände vereinfachen
- Die Wunden müssen beurteilt und versorgt werden (u. U. Blasen eröffnen, Reinigung der Wunden und Versorgung infizierter Wunden)
- Verbände erneuern (Reihenfolge: 1. Wundgitter, 2. Kompresse, 3. Fixierband)
- Ort des Verbandswechsels sauber und aufgeräumt hinterlassen
Umfangreiche Informationen zur Wundversorgung sind auch im EB-Handbuch der DEBRA Österreich vorzufinden, das in Zusammenarbeit mit dem EB-Haus in Salzburg entwickelt wurde.
- Denyer J, Pillay E, Clapham J. Best practice guidelines for skin and wound care in epidermolysis bullosa. An International Consensus. Wounds International, 2017. 2017. https://woundsinternational.com/wp-content/uploads/2023/02/79912622fffa0956d1619feb123f
- DEBRA. EB Haus Austria. Wundversorgung. 2024. https://www.eb-haus.org/eb-handbuch/therapie-behandlung/wundversorgung/, abgerufen am: 08.08.2024
- Bruckner AL, Losow M, Wisk J, et al. The challenges of living with and managing epidermolysis bullosa: insights from patients and caregivers. Orphanet J Rare Dis 2020;15(1):1
- DEBRA. Healthy body and skin. Epidermolysis bullosa infographics. 2024. https://af13d689-15eb-4199-8733-e91a7bb8ae3f.usrfiles.com/ugd/af13d6_714d68fe1b0e42be8f65c4703c1f9483.pdf, abgerufen am: 08.08.2024