Verlauf & Prognose

Bei Morbus Fabry handelt es sich um eine sogenannte progrediente, d. h. fortschreitende, Erkrankung. Durch die fehlende oder unzureichende Aktivität des Enzyms Alpha-Galaktosidase A (α-GalA) kann der Fettstoff Globotriaosylceramid (Gb3) nicht abgebaut werden und sammelt sich in den Zellen an. Unbehandelt setzt sich dies immer weiter fort. So werden zunächst die Abläufe in Zellen und schließlich in ganzen Geweben beeinträchtigt. Im Laufe der Zeit reichern sich irreparable Schäden an, welche die Funktion von Organen behindern und in schweren Fällen zum Versagen einzelner oder mehrerer Organe führen können.1,2 Aufgrund dessen ist die durchschnittliche Lebenserwartung von Menschen mit Morbus Fabry gegenüber der Allgemeinbevölkerung reduziert.3,4 Es bestehen jedoch Behandlungsmöglichkeiten, mit deren Hilfe der Krankheitsverlauf gebremst, die Häufigkeit von Komplikationen vermindert und damit die Prognose sowie die Lebenserwartung verbessert werden können.5,6

Welche Rolle spielt eine Beeinträchtigung der Organe?

Die zunehmenden Schäden in Zellen und Geweben können die Funktion der betroffenen Organe beeinträchtigen und Komplikationen hervorrufen. Am häufigsten sind das Herz (z. B. Veränderungen der Herzmuskelstruktur, Herzrhythmusstörungen), die Nieren (chronische Nierenerkrankung) und das Gehirn (z. B. transitorische ischämische Attacken, Schlaganfall) betroffen.2 Ausführlich werden die Beeinträchtigungen dieser Organe unter Symptome beschrieben.

Daneben leiden Menschen mit Morbus Fabry auch häufig unter einer Depression. Studien zufolge sind bis zu sechs von zehn Personen davon betroffen.7 Ein oft langer Leidensweg bis zur Diagnose, körperliche Beschwerden, darunter vor allem Schmerzen, und Zukunftsängste tragen wesentlich zur Entstehung einer Depression bei. Erste Anzeichen dieser psychischen Erkrankung können unter anderem anhaltende Antriebsstörungen, erhöhte Reizbarkeit und ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit sein.8

Die Beeinträchtigungen der Organe müssen im Rahmen einer ganzheitlichen Therapie gezielt behandelt und bei den Kontrolluntersuchungen regelmäßig begutachtet werden.

Was unterscheidet den klassischen und atypischen Verlauf?

Bei Morbus Fabry werden zwei Verlaufsformen unterschieden: die klassische und die atypische Form.

Klassischer Morbus FabryAtypischer Morbus Fabry
  • Es ist keine oder nur noch eine minimale (< 1 %) Aktivität der α-GalA feststellbar.9
  • Die ersten Symptome treten bereits während der Kindheit, im Alter zwischen drei und zehn Jahren, auf.2
  • Mit zunehmendem Alter weiten sich die Beschwerden auf andere Organe aus.9
  • Im Erwachsenenalter kann es zu Folgeerkrankungen und Komplikationen kommen, wobei insbesondere Herz, Nieren10 und Gehirn betroffen sind.9
  • Es ist eine Restaktivität der α-GalA von 1–30 % nachweisbar.9
  • Die Erkrankung setzt erst im Alter zwischen 30 und 60 Jahren ein, daher wird diese Form auch als Late-Onset-Form (deutsch: spät beginnende Form) bezeichnet.11
  • Es treten keine oder nur wenige typische Symptome des klassischen Morbus Fabry auf.2
  • Meist ist nur ein Organsystem, überwiegend das Herz, betroffen.11

 

Der Verlauf des Morbus Fabry unterscheidet sich darüber hinaus auch zwischen den Geschlechtern. Welche Besonderheiten der Krankheitsverlauf von Frauen aufweisen kann, wird unter Symptome beschrieben.

Wie wird der Krankheitsverlauf beobachtet?

Um ein Fortschreiten der Erkrankung frühzeitig festzustellen und die Behandlung rechtzeitig anpassen zu können, sind für Menschen mit Morbus Fabry regelmäßige Kontrolluntersuchungen wichtig. Dabei werden unter anderem Hautveränderungen, Schmerzen, Beschwerden des Verdauungstrakts und psychologische Symptome erfasst. Daneben wird ein besonderes Augenmerk auf die Untersuchung von Herz, Nieren und Hirngefäßen gelegt. Häufig eingesetzte Untersuchungsmethoden sind die Elektrokardiografie (EKG), die Echokardiografie (ECHO), Blut- und Urin-Analysen sowie Ultraschall und Magnetresonanztomografie (MRT), die in der Regel ambulant und weitestgehend schmerzfrei durchgeführt werden können. Bei betroffenen Jungen und Männern wird empfohlen, die Untersuchungen einmal jährlich zu wiederholen, bei Mädchen und Frauen können die Abstände einzelner Untersuchungen auf zwei bis drei Jahre verlängert werden. Erhalten die Patient*innen eine Enzymersatztherapie, so wird eine häufigere – halbjährliche – Verlaufskontrolle empfohlen.12,13

Gibt es Besonderheiten in bestimmten Lebensphasen?

Morbus Fabry bei Kindern

Der Erkrankungsprozess, d. h. die Ansammlung des Fettstoffs in den Zellen, setzt bereits während der Entwicklung des Fötus ein. Die ersten Symptome treten bei der klassischen Form des Morbus Fabry im Kindesalter auf. Zu den typischen Krankheitszeichen bei Kindern gehören rote oder lilafarbene punktförmige Hautveränderungen, brennende Schmerzen in Händen und Füßen, eine eingeschränkte oder fehlende Fähigkeit zu Schwitzen, eine Empfindlichkeit gegenüber Hitze sowie Beschwerden des Verdauungstrakts. Da diese Symptome auch bei anderen Krankheiten auftreten können, sind Fehldiagnosen häufig und die Zeitspannen bis zur Diagnose des Morbus Fabry lang. So dauert es bei Kindern durchschnittlich vier Jahre vom Beginn der Symptome bis zur korrekten Diagnosestellung.14 Dabei ist ein frühzeitiger Therapiebeginn wichtig, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen bzw. zu verhindern und spätere irreparable Schäden und lebensbedrohliche Komplikationen zu vermeiden.10 

Es ist wichtig zu wissen, dass wie bei Erwachsenen körperliche Belastung, Hitze oder starke Temperaturschwankungen einige der Beschwerden verstärken können.8 Darüber hinaus kann die Krankheitsdiagnose selbst sowie die eingeschränkte Teilhabe an sozialen und sportlichen Aktivitäten eine große psychische Last für die Kinder darstellen und die Lebensqualität einschränken.13 Viele Gespräche sowie die Aufklärung der Kinder und ihres Umfelds über die Erkrankung helfen, diese Last abzubauen.8

Schwangerschaft mit Morbus Fabry

Untersuchungen haben gezeigt, dass Morbus Fabry die Fruchtbarkeit von Männern und Frauen nicht beeinträchtigt.15 Somit ist die Erfüllung eines Kinderwunsches auch für Paare möglich, bei denen eine Morbus-Fabry-Erkrankung vorliegt. Im Rahmen einer genetischen Beratung können sich betroffene Paare darüber informieren, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass ihre Kinder die Erbanlage für Morbus Fabry erhalten.

Darüber hinaus ist es gut zu wissen, dass sich bei betroffenen Frauen einige Symptome der Erkrankung während der Schwangerschaft verstärken können. Dazu gehören Beschwerden des Verdauungstrakts, Schmerzen in den Händen und Füßen, Eiweiß im Urin und Kopfschmerzen. Außerdem kommt ein schwangerschaftsbezogener Bluthochdruck bei Schwangeren mit Morbus Fabry häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung.16 Das Behandlungsteam sollte in jedem Fall vor einer geplanten Schwangerschaft über den Kinderwunsch informiert werden, damit Medikamente, die zur Behandlung des Morbus Fabry zum Einsatz kommen und Missbildungen des Fötus hervorrufen könnten, rechtzeitig abgesetzt werden. Beispielsweise wird die Anwendung der Chaperontherapie während einer Schwangerschaft nicht empfohlen, da keine ausreichenden Daten hierzu vorliegen.17 Auch über die Fortsetzung oder Unterbrechung der Enzymersatztherapie sollte mit dem*der Ärzt*in beraten werden.11

 Referenzen 
Referenzen:
  1. Eng CM, Fletcher J, Wilcox WR, et al. Fabry disease: baseline medical characteristics of a cohort of 1765 males and females in the Fabry Registry. J Inherit Metab Dis 2007;30(2):184-92
  2. Germain DP. Fabry disease. Orphanet J Rare Dis 2010;5:30
  3. Vedder AC, Linthorst GE, van Breemen MJ, et al. The Dutch Fabry cohort: diversity of clinical manifestations and Gb3 levels. J Inherit Metab Dis 2007;30(1):68-78
  4. Waldek S, Patel MR, Banikazemi M, et al. Life expectancy and cause of death in males and females with Fabry disease: findings from the Fabry Registry. Genet Med 2009;11(11):790-6
  5. Beck M, Hughes D, Kampmann C, et al. Long-term effectiveness of agalsidase alfa enzyme replacement in Fabry disease: a Fabry Outcome Survey analysis. Mol Genet Metab Rep 2015;3:21-7
  6. Germain DP, Charrow J, Desnick RJ, et al. Ten-year outcome of enzyme replacement therapy with agalsidase beta in patients with Fabry disease. J Med Genet 2015;52(5):353-8
  7. Bolsover FE, Murphy E, Cipolotti L, et al. Cognitive dysfunction and depression in Fabry disease: a systematic review. J Inherit Metab Dis 2014;37(2):177-87
  8. Morbus Fabry Selbsthilfegruppe e.V. Morbus Fabry Broschüre. https://fabry-shg.org/informationsmaterial-eigenes/, abgerufen am: 28.09.2022
  9. Paim-Marques L, de Oliveira RJ, Appenzeller S. Multidisciplinary management of fabry disease: current perspectives. J Multidiscip Healthc 2022;15:485-95
  10. Ellaway C. Paediatric Fabry disease. Transl Pediatr 2016;5(1):37-42
  11. Ortiz A, Germain DP, Desnick RJ, et al. Fabry disease revisited: management and treatment recommendations for adult patients. Mol Genet Metab 2018;123(4):416-27
  12. Mehta A, Hughes DA. Fabry disease. In: Adam MP, Everman DB, Mirzaa GM, et al. (Hrsg.), GeneReviews(®) [Internet]. University of Washington, Seattle. Copyright © 1993-2022, Seattle (WA), 2002 [Updated 2022]
  13. Germain DP, Fouilhoux A, Decramer S, et al. Consensus recommendations for diagnosis, management and treatment of Fabry disease in paediatric patients. Clin Genet 2019;96(2):107-17
  14. Reisin R, Perrin A, García-Pavía P. Time delays in the diagnosis and treatment of Fabry disease. Int J Clin Pract 2017;71(1)
  15. Hauser AC, Gessl A, Harm F, et al. Hormonal profile and fertility in patients with Anderson-Fabry disease. Int J Clin Pract 2005;59(9):1025-8
  16. Holmes A, Laney D. A retrospective survey studying the impact of Fabry disease on pregnancy. JIMD Rep 2015;21:57-63
  17. Fachinfo-Service. 2022. www.fachinfo.de, abgerufen am: 28.10.2022
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