Über LHON
LHON im Überblick
Was genau ist LHON?
LHON ist die Abkürzung für Lebersche Hereditäre Optikus-Neuropathie. Der Name geht auf den deutschen Augenarzt Theodor Carl Gustav von Leber zurück. Er beschrieb die Erkrankung erstmalig 1871 bei vier Familien.
LHON ist eine seltene, erblich bedingte Augenerkrankung. Bei dieser Erkrankung sind Zellen in der Netzhaut in ihrer Funktion betroffen. LHON kann zu einer schweren Einschränkung des Sehvermögens führen.
LHON und deren Häufigkeit
Die Schwere der Einschränkung kann von Patient*in zu Patient*in unterschiedlich ausgeprägt sein.1,2 1,9 bis 3,2 von 100.000 Personen sind im Durchschnitt von ihr betroffen. Jedes Jahr erkrankt weltweit von 1.000.000 Menschen vermutlich einer neu an LHON.3,4 In Deutschland werden schätzungsweise pro Jahr 30 bis 80 neue LHON-Diagnosen gestellt. In 80 % der Fälle sind junge Männer zwischen 15 und 35 Jahren betroffen.5 Frauen erkranken in der Regel seltener an der Augenkrankheit6 – und das eher später im Leben.7,8
Ursachen und Entstehungen von LHON
Die Ursache für LHON ist ein Gendefekt, eine kleine Veränderung an bestimmten Stellen im Erbgut.2 Das Erbgut wird auch DNA oder DNS genannt; Veränderungen des Erbguts nennt man Mutationen. Dieser Gendefekt bzw. die Mutation führt zu einer Funktionsstörung der Mitochondrien, den Kraftwerken unserer Zellen. Eine Besonderheit von Mitochondrien ist, dass sie eine kleine Menge eigenes Erbgut besitzen, die sogenannte mitochondriale DNA.
Je nachdem, ob der Gendefekt in der mitochondrialen DNA oder in dem Erbgut der Zelle - der nukleären DNA - auftritt, wird LHON unterschiedlich vererbt.2,9
Mutationen in der mitochondrialen DNA
Der mitochondriale DNA-Anteil wird ausschließlich von der Mutter weitergegeben. Deshalb können auch Mutationen in der mitochondrialen DNA nur durch die Mutter vererbt werden. Männer können Mutationen in der mitochondrialen DNA nicht an ihre Kinder weitergeben. Dabei ist es egal, ob der Mann nur Mutationsträger ist oder auch an Symptomen von LHON leidet.
Die Mehrzahl (ungefähr 90 %) der LHON-Patient*innen weist eine von drei mitochondrialen DNA-Mutationen auf.6 Die häufigste Mutation ist m.11778G>A (ca. 60–75 % der Fälle), gefolgt von m.14484T>C (ca. 10–20 %) und m.3460G>A (ca. 10–20 %).10
Mutationen in der nukleären DNA
Laut wissenschaftlichen Erkenntnissen aus dem Jahr 2021 zufolge können auch Mutationen in der nukleären DNA für das Auftreten von LHON verantwortlich sein.9 Auch diese Mutationen führen zu einem Defekt in den Mitochondrien. Für Betroffene und ihre Angehörigen ist es wichtig zu wissen, dass die nukleären DNA-Mutationen sowohl von der Mutter als auch vom Vater an die Kinder weitergegeben werden können.9 Man spricht in diesem Fall auch von autosomal-rezessiver LHON.9
Vom Gendefekt zur Erkrankung
Die Mutationen, die LHON verursachen können, liegen meistens in der mitochondrialen DNA. Die Mitochondrien sind ein Bestandteil unserer Körperzellen und werden als die „Kraftwerke“ der Zellen bezeichnet, weil sie einen Großteil der Energie produzieren. Das geschieht in der sogenannten mitochondrialen Atmungskette. In ihr werden Elektronen über eine Reihe verschiedener Eiweiße (sogenannte Komplexe) transportiert, um am Ende Energie zu produzieren. Das Problem bei LHON: Einer der Komplexe ist reduziert in seiner Funktion und gibt die Elektronen nicht richtig weiter. Dadurch wird weniger Energie gebildet.11,12
Bei LHON hat diese Funktionsstörung vor allem Auswirkungen auf die Nervenzellen in der Netzhaut des Auges (die retinalen Ganglienzellen). Sie sind dafür zuständig, optische Signale vom Auge ans Gehirn weiterzuleiten. Werden sie mit zu wenig Energie versorgt, gehen sie in eine Art Ruhemodus, wodurch es zu Beeinträchtigungen beim Sehen kommen kann. Einige dieser Zellen können im Verlauf auch absterben.12 Die Dicke der Nervenzellschicht der Netzhaut nimmt dadurch mit der Zeit ab.
Bei einer speziellen Untersuchung der Netzhaut, der optischen Kohärenztomographie, lässt sich dies sichtbar machen. Besonders die Ganglienzellen in der zentralen Netzhaut sind betroffen, sodass es vor allem in der Mitte des Gesichtsfeldes zu einer Sehminderung kommt.6
Nicht alle Mutationsträger*innen entwickeln zwingend eine LHON-Erkrankung. Ob LHON auftritt muss nicht allein von der genetischen Veranlagung abhängig sein. Auch Triggerfaktoren wie Nikotin- und Alkoholkonsum sowie Verletzungen im Kopfbereich und Stress können für den Ausbruch eine Rolle spielen. 1,6,13,14
Was bei LHON noch wichtig ist
Lesen Sie in weiteren Beiträgen, wie LHON diagnostiziert werden kann und welche Symptome die Erkrankung mit sich bringt. Daneben finden Sie hier den interaktiven Wegweiser, der Ihnen in der ersten Zeit nach der Diagnose wertvolle Orientierung geben kann. Welche Therapiemöglichkeiten es bei LHON gibt, besprechen Sie am besten mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin. Eine Übersicht mit Fachzentren, die sich auf die Behandlung von LHON spezialisiert haben, finden Sie hier.
- OMIM # 535000. Leber Optic Atrophy. Online unter: https://omim.org/entry/535000?search=LHON&highlight=lhon [letzter Zugriff: 12.11.2020].
- Yu-Wai-Man P et al. Prog Retin Eye Res 2011; 30: 81–114.
- Mascialino B et al. Eur J Ophthalmol 2012; 22: 461–5.
- Jurkute N, Yu-Wai-Man P Curr Opin Ophthalmol 2017; 28(5): 403-409.
- Shemesh A, Margolin E In Stat Pearls Treasure Island (FL). 2018.
- Priglinger C et al. Klin Monatsbl Augenheilkd 2019; 236:1271–1282.
- Poincenot L et al. Ophthalmology 2020; 127: 679–688.
- Rosenberg T et al. IOVS 2016; 57(3): 1370–1375.
- Stenton SL et al. J Clin Invest. 2021; 131(6):e138267.
- Wissinger B. Klin Monatsbl Augenheilkd 2018; 235:1235–1241.
- Yu-Wai-Man P et al. Eye (Lond) 2014; 28:521–537.
- Gueven N Biol Med. 2014; S1: 1–6; 2.
- Kogachi K et al. Mitochondrion 2018; 46: 270-277.
- Rabenstein A et al. Orphanet J Rare Dis 2021; 16: 127.