Therapie
Therapie
Welche Behandlungsmöglichkeiten für Beta-Thalassämie gibt es?
Die Behandlung der Beta-Thalassämie erfolgt üblicherweise in einem spezialisierten Behandlungszentrum durch ein Team aus verschiedenen Fachleuten. Dadurch kann der Krankheitsverlauf gut überwacht und Komplikationen frühzeitig erkannt werden.
Vor allem Menschen mit Thalassämie major und intermedia benötigen eine Behandlung, da diese Formen der Krankheit ohne Therapie schnell lebensbedrohlich werden können.
Man unterscheidet bei der Therapie grundlegend nach symptomatischen und kurativen Behandlungen.1
- Symptomatische Therapien sollen die von der Krankheit verursachten gesundheitlichen Probleme (z. B. Blutarmut) lindern und Komplikationen vermeiden. Sie müssen dafür regelmäßig angewendet werden.
- Kurative Therapien zielen auf eine dauerhafte Heilung oder die Behandlung der Krankheitsursachen ab.
Symptomatische Therapie
Bluttransfusion
Die häufigste symptomatische Maßnahme ist die Transfusionsbehandlung. Eine Transfusionsbehandlung wird empfohlen, wenn die Hämoglobin-Konzentration wiederholt unter einen bestimmten Wert fällt oder sich bestimmte Anämie-Symptome zeigen.1,2
Wie häufig die Transfusionen erfolgen und wieviel Blut übertragen wird, hängt von Faktoren wie Alter, Körpergewicht und dem Hämoglobinwert der Patient*innen ab. Die Therapie wird daher regelmäßig auf Basis der individuellen Patientensituation angepasst.1
Die Ziele der Transfusionsbehandlung sind:1,2
- Reduzierung der Anämie
- Unterdrückung der ineffizienten Blutbildung
- Verbesserung des Allgemeinbefindens
- Verhinderung von Skelettveränderungen
- Sicherstellung eines normalen Körperwachstums
- Verringerung des Thromboserisikos
- Normalisierung der Eisenaufnahme im Darm
Trotz ihrer Vorteile birgt die Transfusionsbehandlung auch Risiken. Hier sind vor allem Abwehrreaktionen des Immunsystems zu nennen, die zu Beschweren wie Fieber, allergischen Reaktionen oder einem schnellen Abbau der Blutzellen führen können. Theoretisch können mit einer Bluttransfusion auch Infektionskrankheiten wie Hepatitis oder HIV übertragen werden. Dies kommt in Deutschland jedoch nur extrem selten vor.1
Chelattherapie
Durch die Kombination aus erhöhter Eisenaufnahme aus der Nahrung und regelmäßigen Bluttransfusionen kann es bei Menschen mit Thalassämie major und solchen mit transfusionspflichtiger Thalassämie intermedia zu einer Eisenüberladung in Organen wie Herz und Leber kommen.
Um dies zu behandeln, wird eine sogenannte Chelattherapie eingesetzt. Dabei binden Medikamente (Chelatoren) das überschüssige Eisen und ermöglichen dessen Ausscheidung. Die Chelatoren werden entweder im Krankenhaus unter die Haut (subkutan) gespritzt oder zu Hause in Tablettenform verabreicht. Ob und wann eine Chelattherapie notwendig ist, hängt vom Eisengehalt in Blut und Leber ab.1
Milzentfernung (Splenektomie)
Die Splenektomie ist die chirurgische Entfernung der Milz und kann bei Beta-Thalassämie notwendig werden, wenn die Milz überaktiv wird und zu viele gesunde Blutzellen abbaut. Ziel ist es, den Transfusionsbedarf zu senken, die Eisenüberladung zu reduzieren und Infektionen zu verringern. Allerdings erhöht sich nach der OP das Risiko für schwere Infektionen und Thrombosen. Daher sind Impfungen, Antibiotikaprophylaxe und regelmäßige ärztliche Kontrollen wichtig, um Komplikationen zu vermeiden.1
Behandlung von Folgeerkrankungen
Beta-Thalassämie kann verschiedene Folgeerkrankungen mit sich bringen. Hier sind vor allem Herzerkrankungen sowie Knochenerkrankungen (Osteopenie-Osteoporose-Syndrom) zu nennen.1 Ursachen sind meist die übersteigerte Blutbildung und die Eisenüberladung. Durch die individuelle Einstellung von Transfusionstherapie und Chelattherapie können diese Komplikationen in der Regel vermieden oder zumindest verringert werden. Zusätzlich werden Lebensstilmaßnahmen empfohlen, zu denen körperliche Aktivität und eine kalziumreiche Ernährung, aber auch die Vermeidung von Risikofaktoren (Rauchen) gehören.1,2
Kurative Therapie
Stammzelltransplantation
Die Stammzelltransplantation (SZT) gilt als heilende Therapie für Beta-Thalassämie. Dabei werden die krankhaften Blutstammzellen im Knochenmark zerstört (z. B. durch eine Chemotherapie) und danach durch Stammzellen eines gesunden Spenders ersetzt. Diese gesunden Stammzellen können sich im Körper ansiedeln und anschließend neue, funktionstüchtige Blutzellen bilden.1
Voraussetzung für eine erfolgreiche Transplantation ist ein*e HLA-identischer Spender*in. HLA (Humane Leukozyten-Antigene) sind spezielle „Merkmale“ auf den Zellen unseres Körpers, die dem Immunsystem helfen, zwischen eigenen und fremden Zellen zu unterscheiden. Um eine möglichst hohe Erfolgswahrscheinlichkeit der Stammzelltransplantation zu ermöglichen, versucht man Spender*innen zu finden, deren HLA-Merkmale so gut wie möglich mit denen der Empfänger*innen übereinstimmen. Man untersucht dabei zunächst Geschwister, weil diese eine höhere Chance auf Übereinstimmung haben. Kommt ein Geschwisterkind nicht als Spender*in infrage beginnt man mit der Suche nach fremden Spender*innen.
Da eine SZT ein sehr massiver Eingriff ist und die Chemotherapie den Körper extrem belastet, muss sorgfältig abgewogen werden, ob sie im individuellen Fall angemessen ist. Üblicherweise wird sie nur Patient*innen empfohlen, die unter der Thalassaemia major-Form leiden und einen HLA-identischen, verwandten Spender haben.1
Aufgrund des steigenden Risikos von Komplikationen mit zunehmendem Alter wird die Transplantation möglichst im frühen Kindesalter durchgeführt.3
Gentherapie
Ein recht neuer Ansatz ist die Gentherapie. Bei dieser Behandlung versucht man, genetisches Material direkt in die betroffenen Zellen einzuschleusen. So soll zum Beispiel ein defektes oder fehlendes Gen ersetzt, abgeschaltet oder reguliert werden. Die Grundidee kann folgendermaßen beschrieben werden: man entnimmt den Betroffenen Blutstammzellen. Diese werden dann im Labor gentechnisch behandelt. Dann zerstört man – ähnlich wie bei der Stammzellspende – die erkrankten Stammzellen im Körper durch eine Chemotherapie. Danach werden die gentechnisch behandelten Stammzellen über eine Infusion in den Körper zurückgeführt und können sich dort ansiedeln und das Knochenmark wiederherstellen.1
Vorteile gegenüber der Stammzelltherapie sind, dass man keine*n Spender*in benötigt und dass es bei der durch die Benutzung körpereigener Stammzellen zu keiner Abstoßungsreaktion kommt.1
Allerdings konnte in bisherigen Anwendungen nicht immer eine komplette Heilung erzielt werden, zumindest aber eine Reduzierung des Transfusionsbedarfs. Zudem sind die Behandlungen sehr teuer und kommen nicht für alle Betroffenen infrage.1
Aktuell gibt es zwei Arten von Gentherapien:
- Additive Gentherapie: Mithilfe eines gentechnisch veränderten Virus wird eine gesunde Kopie des HBB-Gens in die Stammzellen eingebracht. Diese Behandlung ist aktuell in der EU nicht verfügbar, da die Herstellerfirma das Produkt aus ökonomischen Gründen vom Markt genommen hat.1,2
- Gen-Editierung: Hier wird eine sogenannte Genschere (CRISPR/Cas9) benutzt, um das Erbgut der Stammzellen gezielt zu verändert. Dabei wird ein „Stopp-Signal“ abgeschaltet, welches nach der Geburt die Produktion des fetalen Hämoglobins (HbF) unterdrückt. Durch Reaktivierung der Produktion von HbF soll die mangelhafte Produktion des adulten Hämoglobins ausgeglichen werden. Ein entsprechendes Produkt ist seit 2024 in der EU zugelassen.1,4
Behandlung mit Lusatercept
Der Wirkstoff Luspatercept ist seit 2020 in Deutschland für Erwachsene zugelassen. Er fördert die Reifung roter Blutkörperchen. Ziel der Behandlung ist es, die Menge an funktionstüchtigen roten Blutkörperchen zu erhöhen. Patient*innen mit transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie benötigen durch die Behandlung dann seltener Bluttransfusionen.1,2
- Cario H. Beta (ß) –Thalassämie. 2023, online verfügbar unter: https://www.kinderblutkrankheiten.de/sites/gpoh/kinderkrebsinfo/kinderblutkrankheiten/content/e97222/e96941/e96942/e104986/e106654/ss_Thalassaemie.pdf (Zuletzt aufgerufen März 2025).
- Beta Thalassämie (Stand Mai 2022). Onkopedia Leitlinien. Online verfügbar unter: https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/beta-thalassaemie/@@guideline/html/index.html#ID0ER5AE (Zuletzt aufgerufen März 2025).
- Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie und Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Thalassämien S1-Leitlinie. AWMF Register Nr. 025/017. Version 6. Stand 02.2023. online verfügbar unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/025
- Casgevy (Exagamglogene autotemcel). European Medicines Agency. Stand 12.2023. online verfügbar unter: https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/casgevy (Zuletzt aufgerufen März 2025).